Karl Adolf Laubscher (1888 - 1974)
Am 7. März 1974 verstarb Karl Adolf Laubscher im Spital Thun im Alter von 86 Jahren. Kennen Sie ihn, sein Leben, sein Werk? Karl Adolfs Grossvater war Samuel Laubscher, der Gründer der ehemaligen Schraubenfabrik, heute Präzisions AG Laubscher, Täuffelen, die 1996 ihr stolzes 150-jähriges Bestehen feierte.
Als Ältestes von sechs Kindern, geboren 1888, sollte Karl Adolf die Weiterführung der Firma übernehmen. Er wurde in Biel, Grenchen, Neuenburg und Genf, abschliessend in München an der Städtischen Gewerbeschule entsprechend ausgebildet. Dort wurde ihm seine Berufung zur Kunst vollends bewusst; vom Handwerk mit Metall wechselte er zum Handwerk des Malens und der Dichtung. Dieser Schritt, entgegen dem Willen des Vaters, fiel ihm schwer. Nur höchste Ziele rechtfertigten ihn. Als 1925 sein Vater starb, übernahmen seine Brüder Walter und Werner die Leitung der Fabrik, Karl Adolf hingegen blieb in München. Es folgte eine Zeit unermüdlicher Weiterbildung, Krankheit auch, 1930 Heirat mit der Pianistin Margit Illsinger. Sie wurde in jeder Beziehung seine vollkommene Partnerin. 1933 erschien sein erstes Buch «Hymnen des Lichts», acht Jahre später das zweite «Notwendende Worte». Mitten in der Entwicklung des finstersten Nationalsozialismus und des Krieges setzte er ethische und geistige Werte:
Die Glühenden unter euch,
Wer könnte ihr Feuer löschen,
Wer ihre Liebe dämpfen;
Sie kämpfen bis ans Ende
Unter euch – und sind die Sterne
Die ihr nicht seht, und sterben
Mit einem Lächeln,
Da Gott mit ihnen geht.
Diesem Drucke standzuhalten,
Siehe, bist du auserkoren!
Wie dich auch das Leben foltert
Wirst du treu sein und bestehn.
Dies erzeugt den Diamanten!
Wenn du aushältst werden tausend,
Abertausend mitgehalten,
Nicht mehr untergehn!
Das Echo blieb nicht aus. So führte unter anderem Prof. Dr. Nadler (Wien) aus: «Die Sprache ist Offenbarung und Schöpfung zugleich… die einem das innere Gehör auftut für die Stimme des Ewigen. Welch ein Trost, dass es das in unserer Zeit gibt.» Und Rudolf Alexander Schröder (Bremen): «Mich hat seit Jahren von Jüngeren nichts so hoffnungsvoll und lebendig angeblickt.» Am 1. Juni 1939 reisten Margit und Karl Laubscher in die Schweiz zu ihrer Ausstellung in Zürich. Ihr ganzes Hab und Gut blieb in München. Anfangs Septemberbrach der Zweite Weltkrieg aus. Es gab kein Zurück mehr…
Der Neubeginn in der Heimat war unsäglich hart. Doch auch hier fand Laubscheroffene Augen und Ohren. 15 Ausstellungen, durchgeführt im Zeitraum 1935–1960, wurden sehr beachtet. Eine innige Bindung zu seiner Familie, seiner engen Heimat und guten Freunden zog ihn oft ins Seeland. Am 18./19. November 1944 sang der Cäcilia-Chor Biel zu seinem 50-jährigen Bestehen in der Stadtkirche Biel die Kantate «Das Lied vom Tage», Texte von Laubscher, vertont von Jos. Ivar Müller. Aus vielen Texten sei ein Ausschnitt aus einem Radiovortrag von Dr. A.H. Schwengeler vom 26. Oktober 1941 zitiert: «Karl Adolf Laubscher wurde … in Täuffelen am Bielersee geboren und besitzt alle Eigenschaften, die gemeinhin unsere bernischen Seeländer auszeichnen: Ein fast südländisches Temperament; den Willen, entgegenstehende Schwierigkeiten zäh und unverdrossen zu überwinden; einen unbesiegbaren Optimismus schliesslich, der harte Schläge hinnehmen kann und anderntags lächelnd von Neuem wagt und vollbringt, was ihn das Herz tun heisst. Weltanschaulich bedingt und am Bestehenden kritisch geschult, regt Laubschers Lyrik zu eigenem Denken an und reisst das Tor zu einer Weiterentwicklung auf: Zur wahren Freiheit des Geistes und damit zur wahren Freiheit des Menschen…» Man steckte damals mitten im Krieg an den weithin sichtbaren und den untergründigundurchschaubaren Fronten. 1951 zogen die Laubschers nach Sigriswil und 1955 daselbst in das neu erbaute Laubscherhaus, den heutigen Sitz der Stiftung.
Auf die Malerei gebührend einzugehen, ist im Rahmen dieses Beitrages nicht möglich. Hand in Hand mit der Lyrik ging ihre Entwicklung weit über blosses Malen und Dichten hinaus. Es liegt ein Grundton der Besinnung und Einkehr darin, dieser heutigen Welt der Kälte, der Automation und Ruhelosigkeit die Möglichkeit der Liebe entgegen zu stellen zu allem Lebendigen und zur Verantwortung für die stumme, wehrlose, uns anvertraute Kreatur. Wenn er seine grazilen Gazellen neben wehendem Schilf unter einen weiten Himmel hinzauberte, sah das innere Auge den Bielerseestrand seiner Jugend, unberührte Natur, die sein Dorf damals umrahmte. Er dichtete Bilder und malte Gedanken, Symbole, Geschichte.
Laubscher war viel mehr als «fast südländisches Temperament». Er war ein Unbequemer, Unerbittlicher, wenn es um seine Ideale ging. Er war Vegetarier wie seine Freunde J.V. Widmann, Carl Spitteler und viele Grössen, deren ganzer oder teilweiser Vegetarismus so gern und hartnäckig verschwiegen wird: Friedrich Schiller, Christian Morgenstern, Peter Rosegger, Richard Wagner, J.W. v. Goethe, Rainer Maria Rilke, Wilhelm Busch, Matthias Claudius, Gertrud von Le Fort und viele andere (Quelle: Dr. C. A. Skriver). Mit seiner «Liga für humanes Schlachten» beschwor Laubscher von Bundesrat Wahlen bis zum Schweizerischen Metzgerverband unermüdlich alle irgend möglichen Hilfen und Gleichgesinnten. Er ging in die Schlachthöfe, um mit ganzer Sachkenntnis verlangen zu können, dass die Tiere stehend auf ihren vier Füssen ohne Angst und Schmerz schnell getötet werden müssen. «Wer sie schon fressen will, soll dafür sorgen, dass sie nicht leiden müssen…» Er las in ihren Augen, lieh ihnen seine Sprache:
Ach in diesen finstern Ställen
Unser Leben zu verbringen…
Draussen wär des Himmels Blauen,
Wär die goldne, warme Sonne,
Wären weite, grüne Matten,
Wär das tiefe Waldesdunkel.
Und wir müssen hier in Grauen
Liegen auf dem nassen Stein,
Können uns fast nicht bewegen,
Harren dumpf dem Tod entgegen,
Der noch grässlicher wird sein.
Er wehrte sich nicht nur für die Tiere, die Umwelt, sondern auch für seine ganz besonders leidenden Freunde Jonas Fränkel, Peter Surava (Ernst Steiger), J.V. Widmann, Carl Spitteler und andere. Aus Protest gegen gemeine emütigungen und Unrecht trat er aus dem Bernischen Schriftstellerverband zurück, sagte und schrieb seine Meinung und ging schliesslich mit ihnen den gleichen Weg des Ausgestossenseins, den bitteren Weg derer, die ihren Mut und ihre Abstammung mit Ausschluss und Ächtung zahlten. Seine Frau war in Gram lange krank und starb 1961 in Adelboden. Er liess seinen eigenen Namen gleich neben den ihren auf dem Grabstein setzen, malte und dichtete fortan nicht mehr, blieb aber unbeirrbar in seiner Losung und schrieb bis zum letzten Tag für seine Ziele, noch dreizehn lange, einsame Jahre. Seine Familie und treuen Freunde aus nah und fern begleiteten ihn so gut wie möglich.
Als letztwillige Verfügung wurde am 23. Februar 1973 die K. A. Laubscher-Stiftung gegründet. Die ersten vier Mitglieder waren Hans Rudolf Hubler von Radio Bern, Alfred A. Häsler, Publizist in Zürich, sowie Ernst Amstutz und
Ernst Fluri aus Sigriswil. «Die Stiftung bezweckt, den Geist und die Arbeit des Stifters weiterleben und der Allgemeinheit zugute kommen zu lassen. Das Werk des Stifters als Maler, Schriftsteller, Reformator und Tierfreund soll auf diese Weise seine Fortsetzung finden.» Die Stiftung sucht weiterhin Menschen, die dem Freundeskreis beitreten möchten – aus reiner Überzeugung und Freude, aber auch welche, die mit Kenntnissen in Tier- und Umweltschutz, Malerei und Literatur, mitarbeiten würden. Ein neues Studio im Laubscherhaus ist zu günstigen Bedingungen zur Verfügung für Kunstschaffende oder zur Arbeit in der Stille, die sich sinngemäss der Aufgabe der Stiftung einfügen. Auskünfte erteilt die K. A. Laubscher-Stiftung, Präsident Fritz Moser, Güetitalweg 6, 3705 Faulensee. Während des 25. Todesjahres (1999) werden bei den Gemeindeschreibereien Täuffelen und Lyss sowie auf den Bieler Tagblatt-Büros Biel (Publicitas AG, Neuengasse 48) und Lyss (Bahnhofstrasse 2a) Karl Adolf Laubscher-Biographien an Interessierte gratis abgegeben.
Quelle: "Zum 25. Todestag von Karl Adolf Laubscher" Gedenkschrift von Frau Hanna Gisin-Fahrni